Tief im Bayerischen Wald hausten einst zwei benachbarte Ritter – der von Bärndorf und der von Kolmburg, das heute Kollnburg heißt. Jeder hatte nur ein einziges Kind: der von Bärndorf einen Sohn, der von Kolmburg eine Tochter. Da lag der Gedanke nahe, die beiden jungen Leute einmal zu verheiraten und die beiden Besitzungen zu verschmelzen.
So wurde die Tochter mit dem Junker verlobt. Fortan war dieser nun täglich Gast auf Kolmburg. Doch eines Tages blieb er aus. Was mochte geschehen sein? Der junge Edelmann war auf der Jagd gewesen und hatte sich ermüdet auf einem einsamen Moosplätzchen unter einen Felsen gelegt, um auszuruhen.
Die schöne Elfenkönigin
Da stand auf einmal eine anmutige Frau vor ihm und sprach: "Ich bin die Elfenkönigin. Dort ist mein Schloss." Der Junker entdeckte im Felsen, an dem er ruhte, ein hohes Tor. Dahinter sah er einen großen, schönen Garten, in dessen Mitte ein prächtiges Schloss stand.
Noch bevor sich der Junker von seinem Staunen erholt hatte, fuhr die schöne Frau fort: "Morgen, wenn die Sonne am höchsten steht, sollst du wieder an diesen Ort kommen. Zünde ein Feuerlein an und hebe den Stein an, auf dem eben dein Haupt ruhte. Du wirst ein Eidechslein darunter finden. Das nimm in die Hand und dann klopfe dreimal an den Fels und sprich: 'Königin im Felsgestein, lass mich mit dir glücklich sein!'. Darauf wird sich das Felsentor öffnen."
Die Fee streckte dem Junker ein glitzerndes Ringlein an den Finger und verschwand. Er rieb sich die Augen und glaubte, geträumt zu haben. Aber wo waren das Tor und der Garten geblieben? Dem Ritter blieb nur das Ringlein am Finger. Er vergaß seine Braut und dachte nur an die schöne Frau im Feenreich!
Der Zauberspruch
Am nächsten Tag stand er schon lange an der besagten Stelle, noch bevor die Sonne am höchsten stand. Sein Feuer prasselte und loderte, und endlich hob er den Stein auf und fand das grünglänzende Tierlein. Er haschte es mit der rechten Hand und klopfte mit der linken an die Felswand. Dabei rief er: "Königin im Felsgestein, lass mich mit dir glücklich sein!".
Dann klopfte er zum zweiten Male und sprach erneut den Zauberspruch. Als er die Faust hob, um das dritte Mal zu klopfen, rief es plötzlich hinter ihm laut: "Gott im Himmel! Mein Berthold…!". Es war seine Braut.
Als der Junker nicht mehr zu ihr kam, hatte sich die Braut auf ihr Pferd gesetzt und war gen Bärndorf geritten. Auf dem Wege durchs Gehölz sah sie ein Feuerlein durch die Baumstämme leuchten und bemerkte bald auch ihren Bräutigam bei seinem seltsamen Tun.
Kaum hatte sie den Herrgott um Hilfe gerufen, entstand ein furchtbares Erdbeben und ohrenbetäubender Donner erschütterte die Luft. Augenblicklich schlug Feuer aus dem Erdboden wild empor, verschlang die Bäume und fuhr stundenweit durch die Gegend wie eine flammende Riesenschlange. Das Reich der Zauberin barst und schmolz in der Glut dahin.
(Sage aus dem Bayerischen Wald nach Martin Waltinger)