Die Fee vom Falkenstein - Ein Waldmärchen (Auszug)

 
Es musste wohl schon später Nachmittag geworden sein, als Nadine und Christian sich ihrem Ziel näherten. Der "Ruckowitzschachten" breitete sich majestätisch vor ihnen aus. Hunderte von Schmetterlingen tanzten ihren Reigen über das Reischgras, Borstgras, Wollgras oder Seegras.

Unzählige Libellenarten und anderes Getier flogen zwischen einer Hundertschaft von Blumen und Gräsern um die Wette. Arnika, Hundsveilchen, Waldweidenröschen oder Drachenwurz mussten sich ihren Lebensraum mit Rosmarinheide, Heidelbeersträuchern und anderen Waldpflanzen teilen, die ebenfalls auf ihr höchstpersönliches Grundrecht bestanden.

Gefällte Baumriesen und schwarze Waldameisen
Dazwischen lagen vereinzelt vom Sturm gefällte Baumriesen. Sie moderten langsam vor sich hin. Entwurzelte Fichten, mattgrüne, sterbende Bergahorne und vom Blitz gespaltene Buchen hatten ihren Kampf gegen das raue Bergklima verloren. Ganz unscheinbar, im Schutze der abgestorbenen Bäume, waren die hellgrün leuchtenden Spitzen nachwachsender Jungbäume zu erkennen. Das Entstehen, das Sein und das Vergehen im Kreislauf der Natur. Schwarze Waldameisen und Kupferkäfer fanden in den morschen Bäumen ihre Unterkunft oder leicht zu beschaffendes Baumaterial.
 
Ein paar aufgeregte Grashüpfer ergriffen die Flucht, als sich ihnen die unbekannten Wanderer näherten. Für die Heuschrecken waren es bedrohliche Riesen. Doch Nadine und Christian kamen sich selbst wie kleine Zwerge inmitten dieser gewaltigen Kulisse vor. Süßlicher Duft lag in der klaren Sommerluft. Man konnte diese Gegend beinahe mit Kanada vergleichen. Natur, Natur, nur Natur.
 
Geheimnisvoller Ruckowitzschachten
Den Namen Ruckowitzschachten trug dieser Ort, da er an einem versteckten Bergrücken lag. Die leicht ansteigende Waldwiese wurde rundherum von dunkelgrünen Tannen umschlossen. Wie zwei schützende Hände, die einen Kreis bilden. Doch als sie die ersten Schritte in diesen Kreis taten, bemerkten Nadine und Christian, dass es viel mehr als nur eine Wiese war. Es war das Paradies. Ja, hier war das Paradies. Und nirgendwo sonst.
 
Schnell war die richtige Stelle gefunden, an der das Zelt aufgeschlagen wurde. An der obersten Stelle, ganz dicht an den Waldrand gedrängt, bauten die beiden ihr Lager auf. Von hier hatte man einen unvergesslichen Blick zum höchsten Berg des Bayerischen Waldes, dem Großen Arber. Ein toller Aussichtspunkt!
 
Der "Ruckowitzschachten" war wahrlich ein gigantisches Auge des Waldes, das in den tiefblauen Tag sah. Ein Auge der Natur, das den Besuchern die Augen im Herzen öffnete. Sie konnten verstehen. Sie befanden sich in der Natur, und die Natur befand sich in ihnen.
 
Bücher:
Christian Fischer: Die Fee vom Falkenstein. Ein Wald-Märchen, Riedlhütte 2006 (Hepelo-Verlag).
Christian Fischer: Korbinian der Königsbaum. Ein Wald-Märchen, Riedlhütte 2007 (Hepelo-Verlag).
Christian Fischer: Waidlerverserl. Durchs Johr und Lebn auf Niederbayerisch, Riedlhütte 2008 (Hepelo-Verlag).
Christian Fischer: Das zweite Paradies